Pforzheimer Kurier: "Machtwechsel im Pforzheimer Rathaus"

Machtwechsel im Pforzheimer Rathaus: Der neue Oberbürgermeister heißt Peter Boch. Der 37 Jahre alte Noch-Bürgermeister von Epfendorf siegt mit 51,5 Prozent im ersten Wahlgang und lässt damit Gert Hager weit hinter sich. Der Amtsinhaber holt 40,8 Prozent. „Sensationell bei dem Ergebnis ist auch, dass damit das Pforzheimer Rathaus zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg von der CDU geholt wird“, rechnet Bundestagsabgeordneter Gunter Krichbaum vor.

Foto: Ehmann

Hier der Link zum Artikel: www.bnn.de/nachrichten/machtwechsel-im-pforzheimer-rathaus

Ohrenbetäubender Jubel

Der Jubel ist ohrenbetäubend, als Wahlleiter Dirk Büscher das Endergebnis präsentiert. Dass es keinen zweiten Wahlgang braucht, zeichnet sich indes bereits vorher ab. Baden-Württembergs früherer Ministerpräsident Stefan Mappus, Spiritus Rector beim Griff der CDU nach dem Pforzheimer Rathaus, steht schon gegen 18.30 Uhr im Rathaus, wie übrigens auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Stefanie Seemann. Gut 15 Minuten später kommt Boch mit Ehefrau Monika und Töchterchen Josephine, das jüngste von drei Kindern. Er hält sich zurück. Aber Blumen stehen bereit, ein verhaltenes „Super“ wird gewispert. Die geringe Wahlbeteiligung interessiert kaum einen. Die richtigen haben gewählt aus Sicht der CDU sowie den Unterstützern bei FDP, AfD und FW.

„Überwältigt“ vom Ergebnis präsentiert sich Boch. Mit einem solchen Ergebnis habe er nicht gerechnet. Er glaube, dass er mit Offenheit überzeugte. „Ich bin auf die Leute zugegangen, das war letztlich der Punkt“, analysiert der frühere Personenschützer von Mappus und Günther Oettinger. Er sei auf einen zweiten Wahlgang eingestellt gewesen, lässt er weiter wissen.

Hager gratuliert als einer der Ersten

Hager war es nicht, und er ist auch nicht darauf eingestellt, was ihm widerfährt acht Jahre nachdem er 2009 im zweiten Wahlgang die FDP-Frau Christel Augenstein abgelöst hat. Der Amtsinhaber gratuliert als einer der ersten seinem Nachfolger, der am 23. Juni die Verantwortung im Rathaus übernimmt. Warum es überhaupt dazu kommt? Hager „weiß es nicht“. Er habe sehr viel nach vorne gebracht, allein 10 000 Arbeitsplätze, setzt der SPD-Mann an. Der 54-Jährige stockt. Er will nicht noch einmal alles aufzählen. Dann schiebt er nach, auch der Wahlkampf sei sehr intensiv gewesen. Er habe sich nichts vorzuwerfen, und er habe auch keinen Zukunftsentwurf. „Ich muss jetzt erst einmal nachdenken. Es gibt keinen Plan B.“

Wie stark der Amtsinhaber mit seiner Familie und den Unterstützern erschüttert ist, zeigt sich gegen 20 Uhr im Café d’Anvers in der Dillsteiner Straße. „Wir sind natürlich enttäuscht“, sagt Fraktionsvorsitzender Ralf Fuhrmann und blickt in Pforzheims Stadtteile.

Stadtteile wählen schwarz

Die schwarzen Stimmen kommen von überall durch die Täler und von den Hügeln. Nur in den Innenstadtbezirken sind auf der von der Stadtverwaltung im Ratssaal präsentierten Grafik dicke rote Punkte zu sehen, die für Hager stehen. Das habe sicher auch mit der Wahlbeteiligung zu tun, meint Fuhrmann weiter. Mit 38,6 Prozent nutzen noch weniger Pforzheimerinnen und Pforzheimer die Gelegenheit, die Stadtpolitik mitzugestalten, als vor acht Jahren. Damals gingen 39,8 Prozent Wahlberechtigte zu den Urnen.

„Für mich wären Sie der bessere OB gewesen“, sagt Dimitrij Walter tröstend zu Hager. Der parteilos angetretene gebürtige Moskauer hat selbst 4,8 Prozent der Stimmen geholt. Auf ein paar mehr, habe er schon gehofft, sagt der 34-Jährige, der bei den durchweg gut besuchten Kandidatenpräsentationen zeitweise für hohen Unterhaltungswert sorgte.

Unverhohlene Enttäuschung dagegen zeigt sich bei Andreas Kubisch von der Liste Eltern. Er überzeugt 2,8 Prozent der Wähler. „Dass das so krass wird“, habe er nicht gedacht. Er sei schon von zehn bis zwölf Prozent ausgegangen, sagt der 56-Jährige.

„Probleme nicht gelöst“

Wahlentscheidend war, „dass Hager mit dem Slogan „Pforzheim kann mehr“ versprochen hat, viele Probleme zu lösen, es aber nicht gemacht hat“, analysiert Krichbaum. Boch dagegen verkörpere den Optimismus, den Pforzheim braucht.

„Überrascht über die Deutlichkeit des Ergebnisses und den großen Abstand“, äußert sich Axel Baumbusch. Die Grüne Liste habe Boch aber sofort Zusammenarbeit angeboten in Sachfragen zum Wohle der Stadt. Hager habe deren Geschichte auch in schwierigen Zeiten – Stichwort Derivate – gut gelenkt. Allerdings vermisse er sowohl beim Amtsinhaber als auch beim künftigen Pforzheimer Oberbürgermeister eine klare Vision für diese Stadt. Generell sei es nicht gelungen, viele Schichten zu erreichen, meint Baumbusch zur Wahlbeteiligung. Natürlich, die Kandidatenvorstellungen seien voll gewesen, „aber mit wem?“.

Es ist der Abend der jungen Männer, sagt eine Beobachterin des Geschehens mit Blick nach Schleswig-Holstein und Frankreich. Die beiden Wahlen sind durchweg präsent bei den im Ratssaal dicht gedrängt auf das Pforzheimer Ergebnis Wartenden. „Jetzt bin ich gespannt, ob er seine tollen Wahlversprechen umsetzt“, sagt als alles vorbei ist Uta Golderer von den Grünen.

Zurück